THE LANCET 03.09.10
 

Zucker kann Schmerzen bei Babys nicht lindern
Neugeborenen, bei denen operative Eingriffe notwendig sind, wird häufig oral Saccharose verabreicht, um Schmerzen des Eingriffs zu lindern. Grundlage hierfür sind die Effekte des Zuckers auf verhaltensbezogene und physiologische Wertepunkte. Ein bereits vorab online veröffentlichter Artikel zeigt jedoch, dass Saccharose Schmerzaktivitäten des Gehirns oder des Rückenmarks nicht verringert, sondern lediglich die Mimik bei einigen Babys ändert, was zur falschen Schlussfolgerung führen könnte, es würde der Schmerz gelindert. Die Autoren eines verknüpften Kommentars stellen allerdings fest, dass dieses Ergebnis keineswegs überrasche. Ihrer Meinung nach sei die Studie nicht breit genug angelegt, Unterschiede in der Schmerzreaktion aufzudecken. Der Artikel stammt von Dr. Rebeccah Slater und Kollegen vom University College London.

Die Forscher verwendeten für ihre Studie an den Neugeborenen Lanzetten (kleine Metallklingen), wie sie bei klinisch erforderlichen Fersenblutentnahmen zur Gewinnung von Blutproben eingesetzt werden. Diese Lanzetten rufen eine spezifische Schmerzreaktion im Gehirn hervor, die per Elektroenzephalografie (EEG) aufgezeichnet wurde, sowie per Elektromyografie (EMG) festgehaltene Reflexaktivitäten des Rückenmarks.

In der randomisierten kontrollierten Studie erhielten 59 Neugeborene am University College London Hospital per Zufallsverfahren entweder 0,5 Milliliter einer 24-prozentigen Saccharoselösung oder 0,5 Milliliter sterilisiertes Wasser, bevor sie einer klinisch erforderlichen Fersenblutentnahme unterzogen wurden. Primärer Ergebnisparameter war die per EEG aufgezeichnete schmerzspezifische Hirnaktivität, die von einer einzelnen zeitlich begrenzt eingesetzten Lanzette hervorgerufen wurde. Sekundäre Messungen galten den verhaltensbezogenen und physiologischen Basiswerten, den verhaltensgestützten Schmerzwertepunkten (PIPP) und den schmerzausweichenden Reflexaktivitäten des Rückenmarks.

29 Kinder erhielten die Zuckerlösung, 30 sterilisiertes Wasser. Jeweils 20 und 24 Kinder wurden in die Analyse der primären Ergebnisparameter einbezogen. Signifikante Unterschiede in den Schmerzaktivitäten des Gehirns nach dem Lanzettenstich gab es zwischen den beiden Gruppen keine. Hinsichtlich der schmerzausweichenden Reflexaktivitäten des Rückenmarks konnten in den zuckerlösung- und wasserbehandelten Gruppen ebenfalls keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Dennoch lag der zur Schmerzerfassung bei Frühgeborenen entwickelte PIPP (Premature infant pain profile) bei den mit Zuckerlösung behandelten Neugeborenen deutlich niedriger als bei den Babys, die nur sterilisiertes Wasser erhielten (Mittelwerte 5,8 gegenüber 8,5). Auch veränderten deutlich mehr Babys nach Gabe der Saccharoselösung nicht mehr ihre Mimik (7 von 20 (35 Prozent) vs. keines von 24).

Die Autoren vermuten, dass die Saccharoselösung eine Änderung der Mimik wohl verhindern könnte, obwohl die Hirnaktivität doch ein Schmerzempfinden andeutet. Sie bemerken: “Mit Blick auf die zunehmenden Hinweise auf kurz- und langfristige unerwünschte Auswirkungen frühkindlicher Schmerzerfahrungen auf die Neuroentwicklung ist dieser Punkt besonders wichtig. Das Fehlen von Hinweisen auf eine schmerzlindernde Funktion der Saccharose während dieser Studie lässt vermuten, dass Zucker ohne weitere Forschungen bei Neugeborenen nicht routinemäßig gegen operationsbedingte Schmerzen verwendet werden sollte.“

Die Forscher folgern: "Saccharose scheint zwar die mimische Aktivität nach schmerzhaften Maßnahmen abzustumpfen, unsere Daten deuten jedoch an, dass der Zucker direkte schmerzbezogene Aktivität in zentralen sensorischen Regionen des Gehirns nicht verringert und somit wohl kein wirksames Schmerzmittel ist."

Im verknüpften Kommentar stellen Dr. Robert E. Lasky von der University of Texas Medical School in Houston und Dr. Wim van Drongelen von der University of Chicago fest, dass diese Studie statistisch betrachtet nur ein Drittel einer Chance hatte, bezüglich des Effekts einen mittleren Größenunterschied und auch nur ein Zehntel einer Chance, einen kleinen Größenunterschied zu entdecken. Sie bemerken: "Wir sind daher nicht überrascht, dass die Studie daran scheiterte, einen Effekt der Saccharose auf kortikal hervorgerufene Reaktionen zu entdecken. Die kleinen Gruppengrößen stärken außerdem Bedenken, dass trotz zufälliger Zuordnung Unausgewogenheiten von Behandlung und Leiden zu den Ergebnissen der Studie beigetragen haben könnten."

Die Kommentatoren fügen allerdings hinzu: "Die Studie von Slater und Kollegen liefert eine wichtige und innovative Bewertung, das Schmerzmanagement bei Neugeborenen zu beurteilen."

Quelle: R Slater and others. Oral sucrose as an analgesic drug for procedural pain in newborn infants: a randomised controlled trial. Lancet 2010; 376: 10.1016/S0140-6736(10)61303-7

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