Das moderne Mexiko fasziniert Touristen mit quirligen Städten, gewaltigen Berglandschaften, weiten Stränden und über 1000 archäologischen Stätten! Letztere sind – in begrenzter Auswahl – Ziel der fünf Reisewege, zu denen der italienische Archäologe Davide Domenici seine Leser führt. Ausgehend von den antiken urbanen Machtzentren um Teotihuancán besucht er wichtige heilige Stätten bei Cholula, verweilt bei Wolken- und Waldvölkern am Monte Alban und bei Palenque, um schließlich die Maya von Yukatan zu erreichen.

Zur Einstimmung liefert der Autor einen fundierten Abriss der komplexen historisch-politischen und kulturellen Geschichte der Indios vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur spanischen Eroberung 1521. Diese Epoche prägten viele ethnische Gruppen: Olmeken, Zapoteken, Mixteken, Chichimeken, Tolketen, Tapaneken, Azteken (Mexica) und Maya, um die wichtigsten zu nennen. Sie alle lebten in hoch entwickelten sozialen Gefügen ihrer Stadtstaaten und hinterließen mannigfaltige Spuren. Nur wenige Schriftquellen beziehungsweise hieroglyphenartige Schrift- und Bildzeichen der Olmeken und Maya sowie kalendarische Aufzeichnungen der Azteken erhellen das Wachsen, Blühen und Vergehen dieser Gemeinwesen, ebenso wie Wanderbewegungen, Assimilation, Kriege, Naturkatastrophen und Handelskontakte. Umso eindrücklicher sprechen die archäologischen Relikte, die in überreicher Formenvielfalt ausgegraben oder dem Walddickicht abgerungen wurden.

Bei der Besichtigung der zitierten Orte greift der Autor wieder wesentliche historisch-kulturelle Fakten auf, illustriert durch exzellente Fotos, Lagepläne und Skizzen. Domenici gibt Hinweise auf den Verbleib von Kunstwerken in den Museen, reflektiert Grabungssituationen und den aktuellen Forschungsstand.

Was löst größere Bewunderung aus? Die monumentale Architektur der Stufenpyramiden, Paläste, Altäre, Tempel oder die eigenartigen künstlerischen Zeugnisse? Erhalten ist eine immense Fülle kolossaler Skulpturen möglicher Herrscher, Furcht erregender Terrakottafiguren, farbkräftiger Malereien sowie Grabausstattungen mit Gold-, Jade- und Muschelverzierungen. Schwer zu deutende Reliefs stellen kosmische Bezüge zu Sonne, Mond, Venus und der exotischen Götterwelt her. Viele Artefakte tragen zoomorphe Züge, verweisen auf die Verehrung von Jaguar, Schildkröte, seltenen Vögeln und der Großen Gefiederten Schlange, mit der sie den Grenzraum von Realität und Mythos berühren.

Fremd muten den Leser die rituellen Ballspielplätze im Rahmen des Sonnenkults an. Sie weisen eine Größe bis zu 20 mal 50 Metern auf, an den Längsseiten von hohen Mauern begrenzt. Detaillierte Regeln sind nicht überliefert, aber zwei Parteien wetteiferten miteinander, wer besser mit einem Gummiball den ununterbrochenen Lauf der Sonne nachspielen konnte. Ob anschließend die Sieger oder die Verlierer geopfert wurden, ist nicht bekannt. Reliefplatten dokumentieren grausame Szenen von wahrscheinlich noch lebenden Menschen ohne Herz und Genitalien. Bei den Azteken erreichten die den Göttern dargebrachten Menschenopfer schier unvorstellbare Ausmaße.

So fügen sich am Reiseende profunde Textfülle, Pläne, Zeichnungen und 400 brillante Fotos zu einem großartigen Panorama der indigenen Kultur Mesoamerikas. Anspruchsvolle Leser werden das informative Buch gerne nutzen. Die oft unruhige Gestaltung der Bildlegenden und die kleine Schrift beeinträchtigen das Lesevergnügen leider ein wenig.