Die Szene spielt vor 15 Millionen Jahren in Nordost-Australien. Eine Beuteldachsmutter wagt sich aus dem Schutz der dichten Vegetation und führt ihre Jungen behutsam zu einem flachen Tümpel. Noch verhüllt der Frühnebel den Regenwald. Unablässig bewegen sich die Ohren der kleinen Nasenbeutler, als sie ihre Schnauzen vorsichtig ins Wasser tauchen, denn jedes Knacken oder Rascheln im Unterholz kann Gefahr bedeuten.

Aus dem nebligen Dickicht schießt plötzlich ein großes, dunkles, zottiges Etwas. Mit einem Satz greift das Muskelpaket eines der Jungtiere, durchbohrt es mit seinen weit vorstehenden Zahndolchen und schleppt es ins Gebüsch.

Tagtäglich werden Tiere von ihren Räubern gefressen. Doch für Australien in der erdgeschichtlichen Epoche des Miozäns, also vor rund 25 bis 5 Millionen Jahren – im Jungtertiär –, hätten viele eine solche Szene nicht erwartet. Denn das Raubtier ist ein engerer Verwandter der Känguruhs: Es handelt sich um ein "Starkzähniges Riesen-Rattenkänguruh", wissenschaftlich Ekaltadeta ima (Bild auf Seite 72 rechts oben).

Heute leben in Australien nur wenige Arten größerer warmblütiger Fleischfresser, und die meisten davon kommen zudem selten vor. Die größten heimischen Arten sind der Tüpfelschwanzbeutelmarder (Dasyurus maculatus; manchmal auch Fleckenbeutelmarder oder Riesenbeutelmarder genannt) und der Beutelteufel (Sarcophilus harrisii, Bilder auf Seite 74), der allerdings nur noch auf Tasmanien überlebt hat; auf dem Festland verschwand er vor 600 Jahren. Der in Australien verbreitete Dingo ist ein verwilderter Hund, also kein Beuteltier; er kam mit dem Menschen auf den Kontinent, vielleicht erst vor 4000 bis 5000 Jahren. Der Tüpfelschwanzbeutelmarder kann rund sieben Kilogramm wiegen, der Beutelteufel mit neun Kilogramm etwas mehr. Europäischstämmige Australier nennen die Gruppe der Beutelmarder "native cats". Der gedrungene Beutelteufel – auch Tasmanischer Teufel genannt –, der aussieht wie ein Schoßhund mit einem Hyänenkopf