Die Erklärungsversuche für die Biodiversität dürften jedenfalls annähernd zahlreich sein wie die Arten selbst, und nun fügt ihnen Alexandre Antonelli von der Universität Göteborg noch eine weitere Theorie hinzu: Die Anden hätten als wirksamer Evolutionsmotor die Artbildung angetrieben und wie ein Brückenkopf die in den Tropen entstandenen Geschöpfe nach Süden geleitet – vor 10 bis 12 Millionen Jahren, und damit vor den Eiszeiten, aber lange nach der Abspaltung des Kontinents von Afrika. Dies belegten jedenfalls die phylogenetischen und biogeografischen Studien an Hunderten von Pflanzen- und Tierproben, die der aus Brasilien stammende Forscher auf seinen zahlreichen Reisen in die Neue Welt gesammelt hatte.
Das sollte sich ändern, als mit zunehmender Macht die Karibische, die Cocos- sowie die schon weiter südlich aktive Nazca-Platte unter Südamerikas kontinentale Kruste drängten. In einem – geologischen – Wimpernschlag von vier Millionen Jahren "schossen" die Anden mancherorts um 2,5 Kilometer in die Höhe, und auch im Norden des Kontinents erhoben sich nun nennenswerte Berge, die sich mit dem Rest des Gebirges zur heutigen langen Kette verknüpften.
Zu dieser Katalysatorwirkung kam als zweite wichtige Funktion der Brückenschlag zwischen den Nord- und Südanden: Sie waren bis zu dieser neuen Phase der Gebirgsbildung durch einen Tieflandkorridor getrennt, den regelmäßig Meeresvorstöße überfluteten, was den Austausch von Tieren und Pflanzen verhinderte. Erst mit Vollendung des Rückgrats konnten Arten aus dem Norden des Kontinents nach Süden vorstoßen und umgekehrt – ein Prozess, der sich mit der Bildung Zentralamerikas vor vier Millionen Jahren beschleunigte.
In der Folge explodierte nach Antonellis Meinung die Artenvielfalt innerhalb weniger Millionen Jahre, und es bildeten sich neue Endemismenzentren, Gebiete mit einem hohen Anteil an Tieren und Pflanzen, die nur dort auf engem Raum vorkommen. Sie überlebten sogar die später folgenden Eiszeiten im Pleistozän, deren letzte vor ungefähr 10 000 Jahren endete. In weiten Teilen Südamerikas machten sich diese Kälteperioden weniger durch Vereisung als durch erhöhte Trockenheit bemerkbar, weshalb die ausgedehnten Regenwälder immer wieder auf kleine, isolierte Inseln zusammenschrumpften, in denen sich die Tropenarten ballten.









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